Peter Schöffer und die Entfaltung der beweglichen Lettern


Dieser Holzschnittzyklus von Mario Derra berichtet in 21 Farbholzschnitten von der Entstehungsgeschichte des Buchdruckes. Der Kalligraph, Drucker und Verleger Peter Schöffer aus Gernsheim wirkte dabei maßgeblich mit.


Kapitel I Von der Niederschrift zur Aventur und Kunst Ein Holzschnittzyklus von Mario Derra

Von Hans-Josef Becker

GERNSHEIM. Brütende Hitze wabert in den Holzwerkstätten des Alten Elektrizitätswerkes. Den beiden Männern an Grob- und Feinfräse rinnt der Schweiss in Sturzbächen am Körper herab. Die Absaugung kann nicht verhindern, dass feiner Holzstaub die nasse Haut mit einer hellen Schicht überzieht. Mario Derra und Robert Kissel heissen die beiden, die sich diesem etwas moderneren Teeren und Federn aussetzen. Sie arbeiten an dem Holzschnittzyklus Peter Schöffer und die Entfaltung der beweglichen Lettern. Derra will mit diesem Projekt auf das Lebenswerk des in Gernsheim geborenen Multitalents und die Verbreitung der Buchdruckerkunst aufmerksam machen: Einerseits sollen die wenigen historisch belegten Quellen über das Leben von Peter Schöffer und seiner Partner – möglichst auch für Laien nachvollziehbar – illustriert werden. Zum anderen soll auch die Entwicklung der Lettern von den Anfängen in China bis zur Ablösung durch den Flach- und Digitaldruck thematisiert werden. Somit werden einzelne Holzschnitte allen erschließbar sein, andere wiederum nur dem Fachpublikum.

Seit April 2002 bewältigte Druckkünstler Derra ein Mammutprogramm, um den Zyklus im Schöfferjahr 2003 verwirklichen zu können: Literatur- und Bildrecherche, Bibliographie der Schöfferliteratur, Suche nach Modellen und historischen Plätzen, Ideenfindung, technische Problemlösungen bei Schnitt und Druck der Holztafeln. An der Realisierung des Projektes sind Aushilfskräfte im Atelier und ehrenamtliche Helfer wie Kissel beteiligt. Zur Erarbeitung szenischer Darstellungen haben sich 14 Personen als Modelle zur Verfügung gestellt. Sie mimen Schöffer und Fust, Enelin von der Isern Tür und Konrad Henkis sowie weitere gestalten aus dem Umfeld des Frühdruckers. Dabei beabsichtigt der Künstler keine fotorealistische Abbildung; Wiedererkennung im Holzschnittverfahren ist nur bedingt gegeben.

Nun hat er die praktische Arbeit am Material aufgenommen: Zunächst erfolgt der Schnitt der etwa 100 Holztafeln. Die erforderliche Grobfräse hat der Künstler selbst instand gesetzt, die Feinfräse wurde in der Slowakei nach seinen Vorgaben gefertigt. Bei den detaillierten Handarbeiten kann sich Derra auf zehn Schnitzer verlassen, die ihm bei seinem Werk an die Hand gehen. Der Druck der Holzschnitte schließlich wird auf historischen Pressen erfolgen. Erste Kostproben sollen zur Hauptveranstaltung des Schöfferjahres am 13./14. September zu sehen sein. Die Komplexität des Themas verhindert eine Fertigstellung des gesamten Zyklus bis zu diesem Zeitpunkt. Derra: „Qualität hat den Vorrang vor einer termingerechten Fertigstellung.“

Inhaltlich bildet der Zyklus die geistige Beschäftigung des Druckkünstlers mit der Buchdruckerkunst ab. Die Motivreihe beginnt mit Pi Sheng. Inmitten lodernder Flammen, über dem Haupt ein Drache schwebend, druckt der Chinese mit Lettern aus Ton. Die 20 Bilder in den Maßen 50 auf 70 cm führen weiter über Korea zu Gutenberg und Schöffer, thematisieren den Prozess des Kapitalgebers Fust gegen den Erfinder, zeigen Lebensstationen des Gernsheimers. Schließlich gelangt die Entwicklung bis hin zu Flach- und Digitaldruck, Schnellpresse und Leiterplatine.

Ab September 2003 bis Ende 2004 plant der Künstler Ausstellungen der Holzschnittserie in Museen der Druckkunst. Derzeit vorgesehen sind: Gutenberg-Museum Mainz, Internationale Buchmesse Frankfurt am Main, Überlandwerk Groß-Gerau, Landeswohlfahrtsverband Darmstadt und Museum der Arbeit Hamburg. Begleitend zu Zyklus und Ausstellungen erscheint ein Katalog mit ausführlicher Bibliographie und Projektbeschreibung. Zudem wird die Holzschnittserie farbig abgebildet und in Einzelheiten erläutert. Das Vorwort übernimmt mit Dr. Eva Hanebutt-Benz die Direktorin des Mainzer Gutenberg-Museums.

Bevor mit beweglichen Lettern gedruckt werden konnte, musste die Schrift entwickelt werden. Dies vollzog sich über Zeichen- und Wortsysteme zur Lautschreibung. Das älteste Zeugnis eines Druckwerkes ist der Diskos von Phaistos um 1700 vor Christus.
 Der chinesische Staatsmann Shen Kuo berichtet, dass ein einfacher Mann Namens Pi Sheng, schon um 1040 die ersten Texte mit beweglichen Lettern druckte. Er formte Zeichen aus Ton, die er nach dem Brennen mit geschmolzenem Wachs auf eine Eisenplatte drückte. Nach dem Erkalten des Wachses waren die Tonformen unverrückbar. So konnte von diesem Satz eine kleine Auflage hergestellt werden. Nun sind die Bildzeichen der Chinesen sehr zahlreich, und das Zusammensetzen, Zurücksortieren und neu Anordnen hat sich offensichtlich bei in die Tausende gehenden Zeichen für einen praktischen Einsatz des Verfahrens nicht gerechnet. Es fehlen Nachweise, ob es nach dem Tode des Schmiedes Pi Sheng diese Technik noch angewendet wurde.
 Schon vor 1400 goss man in Korea Lettern aus Erz. Das Impressum des in Cheongju gedruckten Buches Buljo Jikji Simche Yojeol, kurz Jikji genannt, weist das Werk als Druck mit Metallzeichen aus, entstanden während der Goryeo-Dynastie im Jahre 1377. Die koreanische Bibliothekarin Park Byeng Sen entdeckte die Bedeutung des Buches für die koreanische Kultur im Jahre 1978. Von dem zweibändigen Werk ist nur das vollständige Exemplar eines Bandes in der Bibliothèque Nationale in Paris erhalten. Auch in Korea war das Schriftsystem mit tausenden verschiedenen Zeichen noch zu kompliziert für den praktischen Einsatz. Erst Mitte des 15. Jahrhunderts wurde dort durch König Sejung mit dem Hangul ein einfaches Alphabet mit 24 Zeichen eingeführt.
 Lassen heute auch weniger bedeutende Personen eine Autobiographie schreiben, so wissen wir von der Zeit des Beginns des Buchdruckes nur wenig. Belegt sind meist nur die Druckwerke selbst. Auskunft über das Wirken der Frühdrucker geben Urkunden und Gerichts-prozesse. Johannes Gutenberg war schon 1434 in Straßburg und fertigte dort im Jahre 1439 mit den Gebrüdern Drizehn Pilgerspiegel für die Wallfahrt in Aachen. Diese beliebten Devotionalien aus einer Blei-Zinn-Legierung wurden in einem Gussverfahren hergestellt. Aus einer Klage erfahren wir, dass sich das Konsortium verrechnet hatte. Die Wallfahrt fand erst ein Jahr später, 1440, statt. Enelin von der Isernen Tür verklagte Johannes Gutenberg 1437 vor dem Straßburger Gericht, weil er sein Eheversprechen nicht eingelöst hat.
 Möglicherweise wurden von Gutenberg, den Gebrüdern Drizehn und weiteren Teilhabern in Straßburg schon erste Drucke hergestellt. In den wenigen Dokumenten taucht öfter die Beschreibung Aventur und Kunst auf. Während in den Archivalien vom Pressen, der Form und dem Gezeug die Rede ist, wissen wir nicht, ob es sich um erste Druckversuche gab. Ein Rahmen aus vier Teilen sollte zerlegt und aus dem Haus der Gebrüder Drizehn geholt werden, damit ihn niemand entdecken konnte. Ob es sich tatsächlich schon um einen Rahmen für die Buchdrucktechnik handelte, ist nicht bekannt.

Kapitel II Ein Bauernsohn aus Gernsheim wird von Johannes Gutenberg in die geheime Kunst eingeweiht
 Peter Schöffer wurde um 1425 in Gernsheim am Rhein geboren. Da er sich selbst mit Opilionis (Schäfer) bezeichnete, ist seine Herkunft im damals ländlichen Gernsheim aus einfachen Verhältnissen anzunehmen. In seinem Festvortrag zur 100jährigen Einweihung des Schöffer-Denkmals berichtete der damalige Leiter des Gutenberg-Museums, Aloys Ruppel: „Über die Gernsheimer Jugendzeit Peter Schöffers, über seine Eltern und Geschwister wissen wir nichts.“ Zum familiären Umfeld gab es intensive genealogische Nachforschungen. Die Eltern konnten nicht eindeutig zuordnet werden. Bekannt ist jedoch, dass Peter Schöffer mindestens vier Nachkommen hat. Gratian, Johann und Peter der Jüngere wurden Drucker. Von Ludwig ist nur wenig überliefert.
 Wann Schöffer Gernsheim verließ ist nicht bekannt. Aus dieser Zeit ist kein Gebäude mehr erhalten. Vielleicht hatte Peter Schöffer seine erste Ausbildung nahe der früheren Kapelle Maria Einsiedel oder gar in der karolingischen Klosteranlage Lorsch? Im Lorscher Codex nämlich ist Gernsheim erstmals urkundlich nachgewiesen. Vielleicht erhielt Schöffer seine Schulbildung sogar in Mainz! Mitte des 15. Jahrhunderts mag es gewesen sein, als Peter Schöffer zu seiner Bestimmung aufbrach: Teilnahme an der Entwicklung und Verbreitung der Buchdruckerkunst. Erst 1493 ist in den urkundlichen Zeugnissen des katholischen Pfarrarchivs der Wiederaufbau einer inzwischen baufällig gewordenen Kirche in Maria Einsiedel festgehalten. Vermutlich kannte Peter Schöffer dieses alte Gotteshaus noch.
 Vermutlich war Peter Schöffer in den Universitäten Erfurt und Paris eingeschrieben. Ob er nur als Schreiber tätig war oder vielleicht Rechtswissenschaft studierte, ist ungewiss. Zeugnisse belegen allerdings, dass er ein hochbegabter Kalligraph und Schreiber war. Der handgeschriebene Kolophon aus dem Jahre 1449 zeugt noch heute von seinen Fertigkeiten. Das Original wurde 1870 in Straßburg vernichtet, während das Faksimile erhalten blieb.
 Es kam es zu einem Prozess gegen Johannes Gutenberg, zu dem dieser selbst nicht erschien. Johannes Fust und Peter Schöffer übernahmen den größeren Teil der Gutenberg-Werkstatt. Es war nun eine ungleiche Konkurrenz. Auskunft darüber gibt das so genannte Helmarspergsche Notariatsinstrument (SuUB Göttingen), eine Niederschrift des Prozesses, die am 6. November 1455 ausgestellt wurde. Johannes Fust hatte Gutenberg Geld für den Druck der ersten Bibel geliehen. Aufgrund vieler technischer Schwierigkeiten kam Gutenberg mit der Rückzahlung in Verzug. Fust wurde der größte Teil der Werkstatteinrichtung zugesprochen. Schöffer sagte vermutlich in Pflichterfüllung gegenüber seinem Adoptivvater Fust gegen den Erfinder aus. Damit war die größere Werkstatt in Händen von Johannes Fust. Peter Schöffer wurde der Werkstattleiter des expandierenden Unternehmens.
Anlass Zum Jahr der Geowissenschaften 2002 hat der Druckkünstler Mario Derra in Solnhofen mit Erfolg die größte Lithographie der Welt mit 11,25 Metern Länge realisiert. Bei einer Informationsfahrt Gernsheimer Kommunalpolitiker zur Vorbereitung des Schöfferjahres 2003 zum bayerischen Altmühltal, dem Zentrum der lithographischen Plattenkalke, entstand die Idee, zum 500. Todesjahr des Druckkünstlers Peter Schöffer einen Holzschnittzyklus zu erstellen. Er soll auf das Lebenswerk des in Gernsheim geborenen Multitalents und die Verbreitung der Buchdruckerkunst aufmerksam machen.
Inhalte Einerseits sollen die wenigen historisch belegten Quellen über das Leben von Peter Schöffer und seiner Partner – möglichst auch für Laien nachvollziehbar – illustriert werden. Zum anderen soll auch die Entwicklung der Lettern von den Anfängen in China bis zur Ablösung durch den Flach- und Digitaldruck thematisiert werden. Somit werden einzelne Holzschnitte allen erschließbar sein, andere wiederum nur dem Fachpublikum.
Eigen-
leistung
Druckkünstler Mario Derra arbeitet über einen Zeitraum von drei Jahren an dem Zyklus und einem Katalog und organisiert Ausstellungen im In- und Ausland. Zur Realisierung des Projektes tragen Aushilfskräfte im Atelier und ehrenamtliche Helfer bei.
Modelle Zur Erarbeitung szenischer Darstellungen, die sich an die wenigen vorhanden historischen Quellen anlehnen, haben sich verschiedene Personen als Modelle zur Verfügung gestellt. Der Künstler beabsichtigt keine fotorealistische Abbildung! Die Wiedererkennung im Holzschnittverfahren ist nur bedingt gegeben.

Josef Adler
Peter Schöffer (der Ältere)
Hans-Josef Becker Johannes Gutenberg (der Mittlere)
Christiane von Bezhold Christine Fust/Schöffer
August Deichmann Peter Schöffer (der Mittlere)
Ines Derra Christine Fust
Dr. Eva Hanebutt-Benz Margarete Fust/Henkis
Robert Kissel Peter Schöffer (der Jüngere)
Werner Köppe Hans Dünne
Dieter Kügler Johannes Fust
Adalbert Lange Johannes Gutenberg (der Ältere)
Angela Stamopoulos Christine Fust
Chrissa Stamopoulos Enelin v.d. Isernen Tür (die Mittlere)
Vicci Stamopoulos Enelin v.d. Isernen Tür (die Jüngere)
Wolfgang Steim ohne Bart: Notar Helmarsperger
mit Bart: Conrad Henkis
Dank Dieses Projekt kann nur durch die freundliche Unterstützung von Sponsoren verwirklicht werden, denen ich hiermit ganz herzlich danken möchte:
  • Druckfarbenfabrik Hostmann und Steinberg GMBH,
  • Elektrizitätswerk Rheinhessen AG,
  • Hahnemühle-Bütten Einbeck,
  • Kostümverleih Christiane Heeß,
  • Kreisausschuß Groß-Gerau,
  • Magistrat der Schöfferstadt Gernsheim,
  • Merck KGaA,
  • Riedwerke Groß-Gerau,
  • RWE Kraftwerk Biblis,
  • Überlandwerk Groß-Gerau.